Backcover & Thank You’s
  • Summer 2013  Composition
  • 2014  Arrangements
  • 2014  Obtaining the license to use the 150-year-old poems by the Harvard University, Boston, Massachusetts, USA
  • 2015  Further arrangements
  • 2016  Vocal coaching with Nadja Rüdebusch based on the recorded poems read by a native speaker born and living in Boston/Massachusetts
  • 2018  Vocal recordings & rough Mix
  • 2019  Final mix
  • 2019 Mastering by Florian Siller
  • 2019  Recordings for the „Stills“-Videos
    • Sylt (nearby Puan Klent),
    • Plön (vine leaves, Schlossgarten),
    • Bleckede (stormy meadows, Elbe),
    • Hamburg (sunflower, Chemnitzstrasse), 
    • Hamburg (corn field, Sülldorf),
    • Hamburg (dahlia, Dahliengarten close to the Volkspark)
  • 2019  Video recordings for „I‘m Nobody! Who Are You?“ on Sylt, tide lands, by Christian Kalnbach
  • 2019  Cover design using a license-free foto by Kristopher Roller, Canada – acknowledged with a donation to the Bergwaldprojekt e.V.
  • 2019 Notes on „1862“ – a conclusive report on the production of the album („Werkstattbericht“)
  • 2020  Editing of the „Stills“-videos, distribution, promotion, websites, production of the 60+-CD-Edition of the album


1862. Ein Werkstattbericht. [pdf]

Viele Musiker*innen produzieren ein Album und gehen nachfolgend mit diesem Material auf Tour, um sich anschließend der Komposition des nächsten Albums zuzuwenden.      
Bei mir ist es hingegen so, dass ich in der Regel an mehreren Alben und Projekten parallel bzw. Zug um Zug arbeite. Wenn ich nach drei Monaten merke, dass der Flow abnimmt und ich dem Erreichten vorerst nichts mehr hinzuzufügen habe, wende ich mich einem anderen, möglicherweise einige Monate zuvor beiseitegelegtem Thema zu. In der Regel liegen zwischen den Kompositionsskizzen und der Veröffentlichung viele Jahre – derweil erscheinen eben erst einmal andere Alben. Die Produktionszeit von 1862 – Homage To Emily Dickinson erstreckt sich etwa über sieben Jahre.


Rückspiegel

Ein Grundproblem, mit dem ich mich seit etwa 1995 rumschlug, war, dass ich keine(n) Mitstreiter*in fand, deren/dessen Lyrics mich zu Songs inspirierten. Stattdessen stieß ich auf den Gedichtzyklus Laterne, Nacht und Sterne des 1947 verstorbenen Wolfgang Borchert und schrieb mit diesen Lyrics mein erstes Album, welches vokal und mit kleinem Orchester im Rahmen eines Festivals 1999 in Esslingen uraufgeführt wurde. Damit war der weitere Weg vorgezeichnet. Wann immer ich mich zur Komposition aufgelegt fühlte, ging ich in Hamburgs Zentralbibliothek und arbeitete mich durch sämtliche Lyrik-Regale. Abends nahm ich einen schwer beladenen Rucksack mit nach Hause, sortierte aus, holte weitere Bücherstapel, siebte erneut – und entdeckte auf diese Weise für mich Paul Boldt (+1921, vgl. mein Album In der Welt, das von mir gegründete Paul-Boldt-Online-Archiv und das von mir herausgegebene Buch Auf der Terrasse des Café Josty), dann May Ayim (+1996, vgl. mein Album nachtgesang), schließlich Selma Merbaum (+1942, vgl. mein Album Selma) und auch Emily Dickinson (+1886).

Ob das Werk einer Dichterin oder eines Dichters für eine Vertonung für mich geeignet sein könnte, entscheidet sich ganz unsentimental wahrlich in wenigen Augenblicken durch kurzes Aufschlagen des Buches an zwei, drei beliebigen Stellen: Ein zügiges Scannen von Themen, Wortwahl und -rhythmus, Zeilenlänge, Art der Reime. (Ja, ich weiß, dass wird den Autor*innen alles andere als gerecht.) Was im Rucksack landet, wird genauer beschaut. Was Funken wirft und mich ans Klavier treibt, hat Chancen.

Das Album 1862 – Homage to Emily Dickinson habe ich im Sommer 2013 komponiert. Eine Kompositionsphase endet bei mir gewöhnlich damit, dass ich im Studio einen klickgenauen Basistrack, bestehend aus Stimme und Klavier (als Midi-File) einspiele. Nachfolgend legte ich 1862 erst einmal beiseite, zumal ich zu dieser Zeit – nachdem ich nach 20 Jahren Suche längst aufgegeben hatte, eine(n) Kreativpartner*in zu finden, mit Tanja Jost eine wunderbare Songwriting-Partnerin und Sängerin kennenlernte. Mit ihr als Texterin komponierte ich seither überaus happy einen ganzen Haufen gemeinsamer Songs. Ein paar dieser Musikstücke werden im Frühling 2021 auf meinem nächsten bzw. unserem gemeinsamen Album veröffentlicht: Es liegt als Rough Mix fertig in der Schublade und harrt auf den Final Mix und auf das Mastering.

Zurück zu 1862. 2014 und 2015 habe ich das Werk in zwei längeren Arbeitsphasen arrangiert: Komponieren geht in Stunden, Arrangieren in Wochen und Monaten. Wie schon bei der Komposition und bei den Gesangsmelodielinien war auch beim Arrangement klar: No limits. Emily Dickinsons eigenwillige, leidenschaftliche, in warme Farben gehüllte, gottesfürchtige, teilweise mystisch-geheimnisvolle Welt sollte sich unbedingt in der Musik wiederspiegeln: Ihre kreative „Explosion“ inmitten der dramatischen Zeit des US-Amerikanischen Bürgerkrieges, die Besessenheit, mit der sie mit augenscheinlich zu Werke gegangen ist, um innerhalb eines Jahres ganze 226 vor Kreativität geradezu vibrierende Werke zu Papier zu bringen… Diese in den Texten zu findende intensive, lebensdürstende Haltung, die kein Außen kannte, sondern ausschließlich in ihr existierte… Ihre Einsamkeit, Verschrobenheit und auch das Sich-selbst-genug sein… So steht leise Verspieltheit direkt neben dramatischen Ausbrüchen, gewaltige Melotron-Chöre neben der unbeschwert-melodischen Freude eines Xylophons darüber, dass Grashalme nichts zu tun haben, sondern einfach nur „sind“ („The Grass So Little Has To Do“)…


Copyright Issues About Emily Dickinson

Wenige Monate nach der Komposition, Anfang 2014, stieß ich zufällig im Netz auf den Satz „Copyright Issues About Emily Dickinson“. Ich konnte es kaum glauben, was es da für Issues geben können sollte. Dickinson ist 1886 verstorben – was sollte hier noch copyrightable sein? Ich wurde eines besseren belehrt – und das passiert mir, der auf universitärer Ebene „Musik und Recht“ lehrt. What happened? Emily Dickinson ist ja bekanntlich eine Art „Van Gogh des Dichtens“ insofern, weil Van Gogh zu Lebzeiten kein Bild verkauft und Dickinson zu Lebzeiten kein einziges Werk veröffentlicht hat. Dickinsons Gedichte wurden erst post mortem nach und nach herausgebracht – die letzten verbliebenen unveröffentlichten Werke erschienen 1955. Viele der frühen Veröffentlichungen wiesen zudem eine Menge Übertragungsfehler auf. Durch die späte Veröffentlichung, durch die wissenschaftliche Revision bzw. Neuedition der Texte sowie aufgrund diverser Neufassungen des US-Copyrights mit Copyrightfristverlängerungen sind in den USA viele Werke von Emily Dickinson derzeit noch immer geschützt. Von wegen „70 Jahre post mortem auctoris“! Die Texte sind rund 150 Jahre alt – und doch: Für eine weltweite Veröffentlichung – und nur eine solche macht Sinn bei Emily Dickinson – benötigte ich für etwa die Hälfte der Vertonungen eine Lizenz der Harvard University zu Boston in Massachusetts in den USA.

Es liegt nicht innerhalb meiner Komfortzone, im Land der hohen Advances („Vorauszahlungen“) in Englisch verhandelnd um eine Lizenz nachzufragen… So wandte ich mich zunächst lieber anderen Themen zu und schob die Causa „Lizenzmanagement“ ein paar Monate vor mir her. Ein von mir in Auftrag gegebenes musikrechtliches Gutachten später wusste ich, was ich schon vorher wusste: Dass ich definitiv nicht um eine Lizensierung herum kommen würde. Dass ich mal etwas mit Harvard zu tun haben würde, hätte ich ein paar Jahre früher auch nicht geglaubt. Letztlich lief es wider Erwarten vollkommen glatt, sodass ich ein paar Monate später die (ausgesprochen faire!) Lizenz in den Händen hielt.


Erstes Album auf Englisch, erstes komplett solistisch eingesungenes Album

Klar war mittlerweile, dass 1862 das erste Album sein würde, auf dem ich alle Gesangsparts übernehme. Ebenso klar war auch, dass ich kein Bedürfnis hatte, mich mit semioptimalem Englisch und der unbewussten Vermischung von Akzenten der Lächerlichkeit preiszugeben. Zudem klingt das Ostküsten-Amerikanisch und sicher erst recht dessen historische Variante deutlich anders als andere Idiome. Emily Dickinson hat Zeit ihres Lebens in Amherst in Massachusetts gelebt. So war ich froh, als mir meine damalige Gesangslehrerin Nadja Rüdebusch (siehe Binoculers: www.binoculers.de) einen Kontakt zu einem in Boston geborenen und lebenden Musiker herstellte, der mir dann meinen Wünschen entsprechend Dickinsons Texte einsprach mit dem Gestus „ein wenig ländlich, aus gutem Hause, aber nicht versnobt, spätes 19. Jahrhundert“ – und als mp3-file über den großen Teich schickte.

An der Aussprache der Liedtexte haben Nadja und ich monatelang gefeilt – gleichwohl ohne Willen zur Perfektion: Muttersprachlichkeit war nicht der Anspruch und kann es auch nicht sein.

2017 und 2018  habe ich für 1862 sowie für das nächste Album gemeinsam mit Tanja mehrere Monate lang immer mal wieder im Studio gestanden und die vielen Gesangsparts beider Alben eingesungen.

Für 1862 folgten im Verlauf des Jahres 2019 eine Reihe von Arbeitswochen am Mix, immer wieder unterbrochen durch längere Pausen, um erneut Abstand zum Projekt und zum Klangresultat zu bekommen.


LebeLieberLangsam & Emily Dickinson

Das Eremitentum Emily Dickinsons ist sicher für die meisten Menschen nicht erstrebenswert, für mich als Lebensweg aber zumindest faszinierend. Da zieht sich eine Frau Mitten im 19. Jahrhundert gegen alle gesellschaftlichen Usancen in die freigewählte Isolation zurück, kondensiert ihre Gedanken und Gefühle in mehr als 1800 Gedichten, die viele Jahre lang förmlich aus ihr heraussprudeln – und feiert in diesen Werken die Schöpfung und das Leben an sich. Hinzu kommt eine unbekannte Zahl von ausführlichen Briefen, die selbst Werkstatus besitzen. Diesen Briefen sind manchmal Abschriften einiger Gedichte beigelegt. Doch die allermeisten Werke bleiben wörtlich wie auch im übertragenen Sinne in der Schublade, wo man sie mit einiger Überraschung nach Dickinsons Tod fand.

Sicher werden für diesen Rückzug Ängste und Zwänge eine wichtige Rolle gespielt haben – und tauschen möchte wohl kaum jemand mit Dickinson. Aber die Konsequenz, mit der sie ihren Bedürfnissen gefolgt ist und dabei einen Weg für sich gefunden hat, sich quasi per Letter To The World an selbige zu wenden, imponiert mir. Auch weil Dickinson abseits jeglicher Geschlechterrollen und Konventionen einfach „ihr Ding durchzog“.

„This is my Letter to the World / That never wrote to Me“.

Emily Dickinson lebte definitiv lieber langsam (vgl. mein Webportal LebeLieberLangsam.de). Ich kann mir gut vorstellen, dass Dickinson ihre Lebensspanne zeitlich lang vorkam, wie ein langer, ruhiger Fluss. Sie brauchte und wollte wenig – eine Minimalistin, wie sie im Buche steht. Das Leben, die Schöpfung und die Natur waren ihr offenkundig heilig. Sie war bescheiden, sah die kleinen wertvollen Dinge des Lebens. Geliebt hat sie auch, wenn auch mutmaßlich meist aus der Ferne oder in verbrieften Worten.

„Till I loved, I never lived enough // Love is life – And life hath [=bedeutet] Immortality“

Alles in allem führte sie ihr Leben wohl mit großer Intensität. Hochwahrscheinlich hat sie trotz der äußeren Kargheit und Ereignislosigkeit ein besonders reiches inneres Leben geführt. Könnte es sein, dass Emily Dickinson dem Leben an sich näher war als die meisten Menschen gestern und heute?     


Zukunft, Gegenwart und der Sprung in die Vergangenheit

Parallel habe ich mich seit etwa 2015 immer tiefer in die Klimakrisenthematik eingearbeitet, das Webportal LebeLieberLangsam mit Inhalten gefüttert und schließlich mit dem Handbuch Klimakrise ein weiteres Webportal aufgebaut. Immer öfter traf und trifft man mich auf Demos, bei Veranstaltungen und bei Podiumsdiskussionen. Seit Herbst 2019 bin ich Mitglied des Zukunftsrat Hamburg und habe dort den Arbeitskreis Klimakrise mitbegründet. Die Arbeit an zwei so unterschiedlichen Projekten – hier ein intensiver Blick ins tiefe 19. Jahrhundert, dort die Perspektive eines möglichen kompletten Versagens der Menschheit bei der Bewältigung der selbst verschuldeten Klimakrise – war und ist merkwürdiger Spagat und Ausgleich zugleich.

Im Frühling 2019 ging der Final Mix dann an den Mastering Engineer meines Vertrauens, Florian Siller (Bias Beach), sodass das Projekt im Sommer 2019 fertiggestellt war.


Videos zu 1862

Etwa im gleichen Zeitraum kam mir endlich die Idee, wie meine Musik auch eine visuelle (YouTube-fähige) Komponente bekommen könnte: Durch die von mir so benannten Stills. Gemeint sind damit Videoclips, die ungeschnitten, ohne Effekte und ohne digitale Optimierung für die Dauer eines Songs ein einziges, naturnahes Motiv zeigen. Immer geht es um die kleinen, leisen und so wertvollen Dinge, die wir gemeinhin im Alltag allzu schnell übersehen – und die doch mehr als vieles andere die Kostbarkeit des Lebens wiederspiegeln: Da reicht idealerweise ein sich in Wind und Sonne wiegender, schattenwerfender Grashalm. Für meine Musik, die sich ja ebenfalls den kleinen, wertvollen Momenten widmet, braucht es nicht Mehr. Das gilt auch und gerade für die Dickinson-Texte, die fokussiert auf die kleinen kostbaren Momente abheben, vgl. z.B. A Bird Came Down The Walk:

„And then, he [a bird] drank a Dew / From a convenient Grass — / And then hopped sidewise to the Wall / To let a Beetle pass.“

Bei wochenendlichen Ausflügen war fortan der HD-Video-fähige Fotoapparat dabei – und wann immer sich spontan ein vielversprechendes „Stills-Motiv“ bot, wurde das Stativ aufgestellt und die Szenerie mindestens fünf Minuten lang gefilmt – verbunden stets mit der Hoffnung, dass zumindest für eine Songlänge dabei kleine, inspirierende Dinge passieren würden.

Christian Kalnbach, der schon das wunderbare Video für das siebenminütige Stück Poem aus dem Selma-Abum kreiert hatte, war abgesehen von der Family und Florian Siller der Erste, der 1862 zu hören bekam: Falls ihn ein Stück zu einem Video inspirieren würde, könne er jederzeit loslegen, so meine Message. Auf diese Weise entstand das Video zu I’m Nobody! Who Are You?, welches teilweise auf der Wattseite von Sylt in einem Serendipity-Moment aufgenommen wurde.


Albumcover 1862

Ein Cover für 1862 wurde noch gesucht. Viele Monate lang hatte ich eine Idee, die sich aber am Ende aufgrund von Lizenzproblemen als nicht realisierbar erwies. Schließlich fand ich das (viel bessere) Cover nebenbei, per Zufall, in Form eines lizenzfreien Redaktionsbildes, dass ich bei der Online-Zeitungslektüre von Perspective Daily entdeckte. Ich wusste sofort, dass das Cover war: Für mich erfasst das Bild auf den Punkt gebracht die Essenz des Lebens und Werkes Emily Dickinsons und unserer Rezeption ebendieses Lebens und Werkes.

Kreative Werke sollen nicht umsonst sein. Daher habe ich für die Verwendung des lizenzfreien Fotos 50 EUR für die Pflanzung von drei Bäumen an das Bergwaldprojekt (www.bergwaldprojekt.de) gestiftet.


20. März 2020: Veröffentlichung des Albums 1862 – Homage to Emily Dickinson

Frühzeitig hatte ich entschieden, dass ich 1862 nicht sofort nach Fertigstellung veröffentlichen möchte, sondern für mich der frühe Frühling ein gutes Erscheinungsdatum für meine Musik ist, sodass das Werk jetzt, im März 2020, nach nunmehr rund sieben Jahren nach dem Emily Dickinson mich ans Klavier trieb, veröffentlicht wird.

Im Unterschied zu allen meinen vorherigen Alben kommt 1862 bewusst nicht mehr als Tonträger heraus: Die Compact Disc (CD) ist m.E. tot in den Musikgenres, den ich nahestehe. Und: Ab 2022 werde ich vermehrt Konzerte geben, doch dann wird am Merchandising-Stand definitiv keiner mehr eine CD wollen…

(Kleine Ausnahme: Es gibt eine limitierte Ü-60-Edition als physische CD, beziehbar über bandcamp.)

Ebenfalls im Frühjahr 2020 erscheint auch der Inhalt meines Klimakrisen-Webportals als Handbuch Klimakrise in Buchform als ca. 420-seitiges Book On Demand (BoD) und als E-Book, sodass die beiden extrem verschieden gelagerten Projekte, in die ich alles in allem etwa gleich viel Zeit investiert habe, hiermit gleichzeitig erscheinen.

Marc Pendzich.

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